Dienstag, 27. Januar 2009

Der Südligenbericht von Catherine Zeta-Bohlen

Trotz gegenteiliger Meldungen und Meinungen: Fußball ist Frieden.
Und Fußball sollte Teil einer großen Umerziehung sein, der garstigen Deutschen zum Beispiel, die zwar mittlerweile höchst friedfertig geworden sind, dabei aber dem Sog der Vergangenheit anheim fallen. Man kämpft sich (was für ein Bild!) durch Tellkamps „Turm“ (nicht zu verwechseln mit dem von Hoffmannsthal, ihr Banausen), erträgt den „Baader-Meinhof-Komplex“ und fiebert bei der „Operation Walküre“ mit. Und man weiß von Gottfried Benn, dass Geschichte vor allem „Mord und Totschlag“ ist (für die Lustigen unter uns: Tod und Mordschlag), und manchmal auch noch ordentlich viel Dilettantismus. Und die ganze Unterhaltungsmaschinerie, die ja durchaus eine feine Sache sein kann, verwirrt die Sache zusätzlich. Zum Beispiel las ich kürzlich in meinem Tagebuch noch einmal die letzten Einträge durch, und siehe da: „Liebes Tagebuch, war gestern Abend in ‚Operation Walküre‘. Schade, dass Tom Cruise es nicht geschafft hat, den Führer wegzubomben ... Ich hörte davon, dass bei Real Madrid Florentino Perez wieder Präsident werden will und Zidane als Sportdirektor zu installieren gedenkt. Ich habe Angst. Wir leben in dunklen Zeiten. Nanu, bin ich jetzt Relationist, gar Relativist, weil ich diese Sachen so nah bei einander aufgeschrieben habe?“ Nein, beim Fußball herrscht weniger Verwirrung. Hier ist so gut wie alles Gegenwart. Gutes Story-telling. Ein buntes Kaleidoskop von Menschen, Geldern, Regeln, Emotionen, Absurditäten. – Paolo Maldinis ältester Sohn kann endlich aufhören zu weinen, denn Kakà bleibt. Die 120 Millionen, welche die Jungs aus dem Süden, genannt: die Scheichs, für einen Wechsel zu ManCity lockermachen wollten, konnten die treue Seele des Brasilianers („kicker“-Note letzter Spieltag gegen Bologna: 1) nicht brechen. Treueschwüre auch von Messi („kicker“-Note letzter Spieltag gegen Numancia: 1), denn die Gerüchteküche um Florentino Perez brodelte Folgendes hervor: neben Cristiano Ronaldo und Kakà könnte man noch Coup-mäßig Messi von Barca loseisen, à la Figo, damals, 2000 war’s. Ein bisschen billiger als die drei genannten könnte David Beckham werden (also: Messi+Ronaldo+Kakà = 420 Mio., Beckham = irgendwas unter 420 Mio.), falls es tatsächlich zu einem längerfristigen Engagement bei Milan kommen sollte. Becks erhielt für das Spiel gegen Bologna am Sonntag vom „kicker“ übrigens die Note 2. Der beste Fußballer der Welt erzielte sogar sein erstes Milan-Tor. Milan-Trainer Ancelotti: „Er ist ein immens nützlicher Spieler mit ungemeiner Spielintelligenz.“ Inters Trainer Mourinho wird wegen verbaler und sein Spieler Adriano wegen körperlicher Attacken gesperrt. „Kleines und Großes geschieht, ein Zahn fällt aus einem Munde, ein Mann aus den Reihen heraus, ein Sperling auf die Erde herunter,“ so Knut Hamsun am Ende seiner „Stadt Segelfoß“-Trilogie. Und das alles ohne Führer, Andreas Baader, Oberst Stauffenberg, Nazis und Kommis, Tätern und Opfern.
Und kein Wunder, dass Deutschland im Uefa-Ranking auf Platz fünf rumdümpelt.
Und schlimm, wenn man nichts mehr zu sagen hat.
Und dann, dann fällt mir plötzlich doch noch was ein, das Zeitgeschichtliches sein könnte, ein leiser Zwischenton jedoch, mit Tätern und Opfern und so. Während des WM-Endspiels 2006 zwischen Italien und Frankreich meinte ein befreundeter Franzose nach Zidanes Kopfstoß gegen Materazzi in Richtung des französischen Spielmachers: „Zizou, dass du nach Hause kommst!“ Der Hauch der Historie. Ich hab’s verstanden. Fühlt sich toll an. Titanisch.

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