„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“
Im einzigen Teil einer deutschen Zeitung – den man noch lesen kann, ohne die Fassung, den Glauben an den Menschen und alle Hoffnung zu verlieren – der Mittwochsbeilage „Natur und Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gab’s diese Woche einen Artikel über das Grübeln zu lesen. Der Psychologe Thomas Ehring von der Universität Amsterdam: „Es gibt aber einen dysfunktionalen Grübelprozess, der aufgrund seiner Abstraktheit das Problem weder löst noch eine emotionale Verarbeitung erreicht.“ (Man beachte das Wort „Grübelprozess“, phantastisch! Sicher eins der schönsten deutschen Komposita.) Und weiter: „Das Grübeln spielt eine entscheidende Rolle beim Einstieg in die Depression, bei ihrer Aufrechterhaltung und beim Rückfall.“
Von dieser beunruhigenden Erkenntnis ist es nur ein kleiner Schritt zu einer anderen: Uns stehen in Europa (dem glüblerisch-depressiven Kontinent par excellence), ja der ganzen Welt, anderthalb Wochen WM-Quali-Langeweile bevor. Und da geht das Grübeln erst richtig los: „Wie schön wäre es ohne diesen ganzen Krampf?“ „Was wäre, wenn es die Ligen und die europäischen Wettbewerbe auch in diesen anderthalb Wochen gebe?“ „Was wäre, wenn es die anvisierte europäische Superliga schon gebe?“ „Was wäre, wenn ...?“
Ja ... was wäre, wenn? Und was hat es eigentlich mit den Nationalstaaten auf sich? Sicher, man kann diese befürworten, die waren ja angeblich der Hort der Bürgerrechte und der neuzeitlichen Demokratie. Aber was ist eigentlich mit den Nationalmannschaften? Da kann man lange drüber grübeln, straight to Depression.
Und da sind wir auch schon bei der etwas konkreteren Frage, ob Nationalmannschaften in einem zusammenwachsenden Europa, innerhalb der sogenannten Europäischen Union also, nicht verboten gehören. Die Europäischen Kommission hat auf jeden Fall die Macht, das einfach so, über unsere Köpfe hinweg, zu entscheiden. (Am selben Tag, diesen Mittwoch, schrieb der Schweizer Autor Thomas Hürlimann in der FAZ – huch, schon wieder diese Zeitung! Ja, ich krieg’ Geld von denen; aber nicht viel – über die Brüsseler Politbürokratie, dass diese sich mehr und mehr dem sowjetischen Vorbild angleiche.)
Über solche Dinge nachzudenken, wird man also von der nervigen WM-Quali gezwungen. Und damit zum Grübeln. Und damit zum Unglücklichsein. Beweis durch Selbstversuch. Denn das muss man doch sagen: Mensch, die Wissenschaft ist schon echt verdammt schlau. Da grübelt man, und grübelt, und schon ist man ... ganz traurig.
Übrigens wird es wohl mit der europäischen Superliga (Zusammenfassung von Champions League und Uefa-Pokal) erst mal nix, laut Karl-Heinz Rumenigge. War scheinbar nur so eine Vision einiger Uefa- und Vereinsbonzen. Die seh’ ich dann nachher beim Neurologen unseres Vertrauens.
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